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Kinostart 26. April 2007

Interview mit Hiner Saleem

Schweigen erzählt sehr viel mehr als Worte


Warum heißt Ihr Film DOL?

„Für uns Kurden ist Musik wie ein Lebensmittel, das sowohl beim Tod als auch bei der Geburt notwendig ist.
DOL heißt auf kurdisch „Trommel/Trommler", hat aber auch noch eine andere Bedeutung. Es kann auch „Tal“ heißen.
Somit bezeichnet DOL das musikalische Leben in einem bergigen Land.“

Sie üben in DOL scharfe Kritik gegen das politische System der Türkei. Wie kamen Sie auf die Idee diesen Film zu machen?

„In der Türkei ist die offizielle Staatsideologie der Kemalismus. Dies bedeutet, dass nur eine Nation, eine Sprache und eine Religion existieren dürfen. Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der türkischen Republik, orientierte sich sehr an dem westlichen Leben, verbot aber die multikulturelle und multinationale Realität des Landes.
Bis heute gibt es deswegen Auseinandersetzungen zwischen den Kurden und dem türkischen Staat. Dieser „schmutzige Krieg“ der seit mehr als 20 Jahren zwischen dem türkischen Millitär und der kurdische Bevölkerung stattfindet, wird in der Weltöffentlichkeit nicht genug beachtet.
Ich war mit der Situation des kurdischen Volkes in der Türkei vertraut und kannte ein wenig die Grundsätze des Kemalismus. Aber als ich zum ersten Mal Nordkurdistan (Südosten der Türkei) besuchte, sah ich mit eigenen Augen in den Städten und auch auf den Bergen geschrieben „Glück all denen, die sich Türken nennen“. Das war für mich ein Grund zum Lachen, ein mit Tränen verbundenes Lachen.
Ich konnte es nicht glauben, bis ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe - ein Staat der offenkundig sagt, dass seine Menschen besser als die anderen Menschen sind. Dabei ist es klar, dass damit die Kurden gemeint sind. Das ist auch der Grund, warum diese Parolen in Diyarbakir und in anderen kurdischen Städten hängen.
Ich habe es als eine Schande für die Menschheit empfunden, aber gleichzeitig ist es auch eine Art Komödie. Denn solche Ideen sind seit mehr als 50 Jahren von der Welt verschwunden. Es war etwas Visuelles und gleichzeitig eine bittere Wahrheit unseres Volks und eine sehr bittere Wahrheit des türkischen Staates.
Ich konnte es nicht verstehen, wie ein Staat mit solchen Grundideen in das dritte Jahrtausend gehen kann. All diese Sachen habe ich im Kopf gehabt und langsam entstand daraus ein Drehbuch.“

Sie haben den Film im Norden Iraks gedreht. Hatten Sie bei den Dreharbeiten Schwierigkeiten?

„Kurdistan ist nicht Irak, das heißt, es gibt dort nicht die Sicherheitsprobleme wie im restlichen Irak. Es ist ein friedliches Land, das versucht sich zu rekonstruieren.
Es gibt eine Art Wiedergeburt und Wiederaufbau dort. Wir haben eine Regierung und ein gewähltes Parlament. In diesem Kurdistan haben wir die totale Freiheit Filme zu drehen, zu schreiben, zu kreieren. So hat die autonome Regierung Kurdistans uns auch finanziell und logistisch unterstützt.
Man kann sagen, dass ich DOL nicht weit weg vom "Bermuda-Dreieck" gedreht habe, an der Grenze zum iranischen, irakischen und türkischen Kurdistan.
Mein Dekor war ein richtiges Dorf. Dort angekommen bauten wir als erstes eine türkische Fahne für den Dreh. Bei Tagesanbruch bin ich zum Schauplatz gelaufen und schaute in die Berge: meine Fahne war nicht mehr da! Dorfbewohner hatten sie in der Nacht zerstört. Glücklicherweise ist es mir gelungen, sie zu überreden, dass die Fahne bloß ein Requisit für meinen Film ist und dass sie am Tag nach dem Dreh abgenommen wird. Sie haben das unter der Bedingung akzeptiert, dass nach Drehschluss die türkische Fahne durch eine kurdische ersetzt werde. Diese habe ich ihnen letztendlich als Geschenk dagelassen.
Es gibt jedoch einige spezifische Merkmale für die Produktion von Filmen in Kurdistan. Die Staaten, die Kurdistan mit Gewalt unter ihre Herrschaft gebracht haben, haben es nicht zugelassen, dass sich eine Kinokultur in Kurdistan etabliert.
Dies gilt insbesondere für Südkurdistan (Irak). Es fehlt an Filmausbildung und technischer Ausrüstung. Das war für uns ein großes Problem. Ich war gezwungen ein Teil des Filmteams aus Europa mitzunehmen.“

Sie haben mit dem Kameramann Andreas Sinanos zusammengearbeitet. Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen?

„Andreas ist ein guter Freund von mir, und „Dol“ ist der vierte Film den ich mit ihm mache. Bevor ich ihn kennen lernte, kannte ich seine Arbeiten, die mit dem großen Regisseur Theodoros Angelopoulos entstanden waren. Ich schätze besonders wie Andreas mit dem Licht arbeitet. So war unsere Zusammenarbeit sehr gut und harmonisch.“

Dol ist ein stiller Film mit wenigen Dialogen. Gehört das zu Ihrer Filmsprache?

„Das ist eine Eigenschaft von mir. Ich will gerne die Bilder sprechen lassen. Das Schweigen erzählt sehr oft viel mehr als die Wörter. Außer in meinem ersten Film, gibt es wenige Dialoge in meinen Filmen. Ich habe vor kurzem die Dreharbeiten für einen französischen Film zu Ende gebracht, im ganzen Film sind nur 4 bis 5 Sätze zu hören.“

Die Besetzung bei Dol unterscheidet sich nicht sehr stark von Ihrem vorherigen Film „Kilometre Zero“... Allerdings spielen diesmal auch bekannte kurdische Musiker mit.

„Ich habe vor allem an die künstlerischen Fähigkeiten der Schauspieler geglaubt. Das war der entscheidende Grund für ihre Mitarbeit. Nazmi Kirik ist wirklich sehr charismatisch; und Belcim Bilgin ist auch eine sehr gute Schauspielerin. Beide haben bereits in meinem Film Kilometre Zero mitgespielt.
Bei der Besetzung des Sängers im Film, habe ich sofort an Ciwan Haco gedacht. Er ist ein hervorragender Sänger und seine Musik beeinflusste die jungen Kurden, obwohl seine Lieder lange Zeit in der Türkei verboten waren.
Für die Auswahl meiner Schauspieler habe nicht darauf geachtet, aus welchem Teil Kurdistans sie kommen.“

Heute hört man oft etwas über das kurdische Kino. Was können Sie dazu sagen?

„Das kurdische Kino bemüht sich in Richtung der Sonne und des Frühlings zu gehen. Nicht nur für mich, sondern für alle kurdischen Filmemacher ist es eine große Herausforderung in dieser Branche zu arbeiten. Die über Kurdistan herrschenden Regierungen haben sich immer gegen das Kino und die Etablierung der kurdischen Kultur im Allgemeinen ausgesprochen. So hat das Kino Kurdistan sehr verspätet erreicht.

Die veralteten Vorstellungen in der kurdischen Gesellschaft spielen hier auch eine negative Rolle, deshalb ist es zum Beispiel für Frauen noch nicht selbstverständlich in Filmen mitzuspielen.
Aber ich freue mich, dass das kurdische Kino jeden Tag wichtiger wird.“


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